Keine wirkliche Gleichberechtigung unter der Scharia möglich

Keine wirkliche Gleichberechtigung unter der Scharia möglich
Die Christenverfolgung in islamischen Ländern nimmt zu. Dies hängt nach Ansicht der Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher vom Institut für Islamfragen eng mit den Re-Islamisierungsbewegungen seit den 1970er Jahren zusammen, insbesondere mit dem weltweiten Export islamistischer Ideologie wie des saudischen Wahhabismus. So rief beispielsweise am 12. März 2012 der saudische Großmufti Scheich Abdul-Aziz bin Abdullah, die höchste religiöse Autorität des Landes, in einem Rechtsgutachten (einer so genannten Fatwa) zur Zerstörung aller Kirchen auf der Arabischen Halbinsel auf. Je mehr der islamische Charakter des Staates betont und die umfassende Durchsetzung von Scharia-Bestimmungen in allen Bereichen der Gesellschaft eingefordert werden, desto stärker werden zwangsläufig Christen ausgegrenzt und diskriminiert. Hinzu kommt, dass die Christen vor Ort häufig mit dem „Westen“ gleichgesetzt und zum Beispiel für die amerikanische Politik im Mittleren Osten verantwortlich gemacht werden. Fernsehprediger warnen vor einer christlichen Invasion und dem Einfluss christlicher Minderheiten als „fünfter Kolonne des Westens“.
In vielen islamischen Ländern mit zunehmender Christenverfolgung ist nach Schirr-machers Beobachtung in den letzten Jahren ein gesellschaftliches Klima entstanden, in dem christliches Leben zunehmend aus der Öffentlichkeit verdrängt und bereits die bloße Präsenz von Kirchen oder Kreuzen als Angriff auf die Gefühle der Muslime gewertet wird und zu gesetzlichen oder behördlichen Gegenmaßnahmen führt. Sogar militante Aktionen einzelner Gruppen wie die Zerstörung von Kirchen im Irak oder in Pakistan oder die Zwangsverheiratung koptischer Mädchen in Ägypten werden stillschweigend geduldet. Ob Anhänger einer bestimmten Religion oder Weltanschauung wirklich für Menschenrechte wie die Glaubens- und Meinungsfreiheit und ein friedliches und gleichberechtigtes Miteinander eintreten, muss sich in erster Linie dort zeigen, wo die Anhänger die Mehrheit – nicht die Minderheit – stellen, so Schirrmacher.

Ausführliche Meldung
Keine wirkliche Gleichberechtigung unter der Scharia möglich
Wechselvolle Beziehung Muhammads zu den Christen seiner Zeit
(BONN, 08.05.2013) Laut Schirrmacher ist die wechselvolle Beziehung von Muslimen zu den christlichen Minderheiten bereits im Leben Muhammads angelegt. In der Frühzeit sucht er die Annäherung an Christen und Juden, sieht sich in Übereinstimmung mit der Botschaft früherer Propheten und wirbt bei den so genannten Buchbesitzern bzw. „Leuten der Schrift“ (gemeint ist die Thora der Juden und das Evangelium der Christen) um die Anerkennung seines prophetischen Anspruchs. Als Muhammad jedoch deutlich wird, dass die meisten Christen und Juden ihn als Propheten nicht anerkennen wollen, wird Muhammads Ton in der Auseinandersetzung schärfer – insbesondere nach seiner Auswanderung nach Medina und dem dortigen Aufstieg zum politischen und militärischen Führer einer wachsenden stammesübergreifenden islamischen Gemeinschaft. Abraham, andere Propheten des Alten Testaments und auch Jesus werden kurzerhand zu Bekennern des islamischen Eingottglaubens erklärt. Juden und Christen sollen – so die dominierende Auslegung entsprechender Koranverse – ihre ursprünglichen Schriften überall dort, wo sie dem Koran und dem Anspruch Muhammads widersprechen, verfälscht haben und damit von der ursprünglich islamischen und einzig „wahren Religion“ abgewichen sein.
Der Vorwurf der Vielgötterei
Während Muhammad den Juden aufgrund ihres Unglaubens Verrat und Illoyalität vorwirft und sein hartes militärisches Vorgehen gegen sie als verdiente göttliche Strafe rechtfertigt, wirft er den Christen – vor allem mit Blick auf ihren Glauben an die Gottessohnschaft Jesu – Vielgötterei vor. Muslime sollen sich daher laut Sure 5,51 nicht die Juden und die Christen zu Freunden nehmen, weil diese untereinander Freunde sind. Wer sich ihnen anschließt, verlässt demnach die Gemeinschaft der von Gott rechtgeleiteten Gläubigen. Weitere Verse wie Sure 61,9 aus den letzten Lebensjahren Muhammads verheißen ihm und der von ihm propagierten „wahren Religion“ schließlich den Sieg über alle anderen Religionen. Im Lichte dieser späten Verse erscheinen Christen keineswegs mehr als gleichberechtigte Offenbarungsempfänger. Aus der Sicht der klassischen Gelehrten wie auch der meisten heutigen Islamisten können sie bestenfalls als Andersgläubige unter bestimmten Auflagen geduldet werden. Treten sie allerdings weiterhin selbstbewusst mit eigenem Wahrheitsanspruch auf und stellen dadurch die islamische Vorherrschaft infrage, müssen sie wie die Ungläubigen bekämpft werden.
Sure 9,29: „bis sie von dem, was ihre Hand besitzt, Tribut entrichten als Erniedrigte!“
Ein weiterer Schlüsselvers für den Umgang mit den so genannten Buchbesitzern ist Sure 9, Vers 29, wo es heißt: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und nicht an den Jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der Religion der Wahrheit angehören – von denen, denen das Buch zugekommen ist, bis sie von dem, was ihre Hand besitzt, Tribut entrichten als Erniedrigte.“ Nach dem bis heute vorherrschenden Verständnis der Gelehrten können Christen und Juden – bei vielen heutigen Auslegern alle Nicht-Muslime – als so genannte Schutzbefohlene (Dhimmis) ihre Religion bzw. Weltanschauung zwar behalten und werden nicht unmittelbar zur Annahme des Islam gezwungen. Sie müssen jedoch eine unterwürfige Haltung gegenüber der umfassenden politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Vorherrschaft des Islam einnehmen und dürfen die Gefühle der Muslime durch ihr Auftreten in keiner Weise verletzten. Diese Mischung aus relativer Toleranz einerseits und alltäglich und vielfältig spürbarer islamischer Dominanz andererseits erwies sich gerade in der frühen islamischen Expansion als ein äußerst effektives System indirekten Zwangs. Die ursprünglich christlichen Volksgruppen der von den Muslimen eroberten Gebiete des Mittleren Ostens und Nordafrikas konvertierten allmählich – teilweise erst im Laufe von mehreren Jahrhunderten – zum Islam, um der fortgesetzten finanziellen Benachteiligung, politischen Diskriminierung und sozialen Marginalisierung zu entgehen; teilweise wurde auch die islamische Selbstverwaltungs- und Toleranzpolitik zunächst als vorteilhafter beurteilt als die Herrschaft der byzantinischen Reichskirche. In der Zwischenzeit erwies sich die heute unübliche Kopfsteuer der Christen für die muslimischen Machthaber als nützliche – zeitweise sogar unverzichtbare – Einnahmequelle für das rasant wachsende islamische Reich.
Vielfältige Demütigungen und Diskriminierungen
Die im obigen Vers bereits angesprochene Demütigung kommt auch in dem nach dem zweiten Kalifen Umar (634–644) benannten Abkommen zum Ausdruck, das trotz gewisser Auflockerung mancher Bestimmungen für lange Zeit eine richtungsweisende Bedeutung für den generellen Umgang mit christlichen Minderheiten haben sollte. Die Christen in den von Muslimen eroberten Gebieten des heutigen Syrien verpflichten sich darin unter anderem, auf den Bau weiterer Kirchen und Klöstern sowie die Instandsetzung baufälliger Kirchen in muslimischen Wohnvierteln zu verzichten, ihren Glauben nicht mehr öffentlich durch Prozessionen und dergleichen zu bezeugen, ihre Kreuze auf den von Muslimen frequentierten Straßen und Plätzen zu verbergen und ihre Stimme in der Gegenwart von Muslimen zu dämpfen. Darüber hinaus sollen Christen an ihrer – möglichst minderwertigen – Kleidung erkennbar sein und aus Ehrerbietung vor den Muslimen aufstehen, wenn diese ihre Plätze einnehmen wollen. Außerdem wurde den damaligen Christen – mit Rücksicht auf islamische Werte und Rechtsbestimmungen – unter anderem der Verkauf von Alkohol verboten.
Christenverfolgung in politisch instabilen Zeiten: Leben in ständiger Gefahr
Es hat im Laufe der Geschichte auch vergleichsweise tolerante Phasen des Umgangs muslimischer Herrscher mit ihren christlichen Untertanen gegeben, in denen die meist überdurchschnittlich gebildeten Christen bei entsprechendem Nutzen für die muslimischen Machthaber sogar wichtige Ämter in Staat und Gesellschaft einnehmen konnten. Trotzdem blieb der Überlegenheits- und Herrschaftsanspruch gegenüber den Christen, der in den islamischen Quellen und der islamischen Frühzeit fest verankert ist, und die damit verbundene ständige Unsicherheit für die Minderheiten bestehen. Wie auch in den Entwicklungen der letzten Jahre deutlich geworden ist, hängen der Schutz und die Sicherheit der christlichen Minderheiten stark von der politischen Stabilität eines Landes ab. Militante islamistische Gruppierungen sprechen Christen häufig auch den Status als schutzwürdige Bürger zweiter Klasse ab, und verstehen ihre Vertreibung oder sogar ihre Tötung als notwendige Voraussetzung zur Aufrichtung eines islamischen Staates. Sie nutzen dann gerade bürgerkriegsähnliche Zustände wie im Irak und in Syrien und das fehlende staatliche Gewaltmonopol, um ganze Dörfer oder Städte von den „ungläubigen“ Christen zu „reinigen“. Aber auch dort, wo islamistische und salafistische Kräfte nach der Arabellion über Wahlen an die Macht gekommen sind, führt die Rückbesinnung auf den Islam als Staatsreligion und die Scharia als in der Verfassung festgelegte Hauptquelle der Gesetzgebung zu einer schrittweisen und systematischen Diskriminierung von Christen in allen Bereichen der Gesellschaft. Mit der propagierten Rückkehr zum „Goldenen Zeitalter“ des Islam gewinnen die genannten muslimischen Quellen und das als zeitlos gültiges Vorbild verstandene Verhalten Muhammads und seiner Nachfolger wieder an Bedeutung. Insbesondere die geforderte Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Muslime macht für Christen die Wahrnehmung der ihnen eigentlich verfassungsrechtlich garantierten Rechte abhängig vom Wohlwollen der muslimischen Mehrheit und von den jeweiligen gesellschaftspolitischen Stimmungen im Land.
Glaubensfreiheit als Einbahnstraße: Mission verboten
Immer wieder betonen Vertreter islamischer Dachverbände im Westen den toleranten Charakter des Islam und das koranische Verbot des Zwangs in religiösen Fragen (Sure 2,256). Damit ist allerdings bis heute in allen islamischen Ländern keineswegs Glaubensfreiheit im umfassenden Sinne gemeint. Werbung für den christlichen Glauben unter Muslimen ist in den meisten islamischen Ländern strengstens verboten und wird selbst dort, wo sie wie in der Türkei nicht offiziell verboten ist, häufig durch adminis-trative Maßnahmen oder polizeiliches Eingreifen und Einschüchterung unterbunden. Die Mehrheit der muslimischen Rechtsgelehrten geht bis heute davon aus, dass die erkennbare Abwendung vom Islam als Verrat an Staat und Gesellschaft gewertet und mit dem Tod bestraft werden muss. Für sie gibt es keinen vernünftigen, nachvollziehbaren und akzeptablen Grund, sich als Muslim von der ihrer Ansicht nach abschließenden und einzig reinen und vollkommenen Religion des Islam ab- und einer vermeintlich verfälschten und überholten Religion wie dem Christentum zuzuwenden. Folglich gibt es für sie auch keinen Grund, Christen in islamisch dominierten Gesellschaften die Freiheit zu geben, ihren Glauben öffentlich und damit auch in der Begegnung und dem Gespräch mit Muslimen zu leben und zu bezeugen – Freiheiten, wie sie dieselben Gelehrten und Aktivisten selbstverständlich für muslimische Minderheiten in westlichen Ländern fordern.
Fernsehprediger warnen vor christlicher Invasion und der „fünften Kolonne des Westens“
Bis in die Gegenwart sehen sich Christen in islamisch dominierten Ländern vor allem immer dann zunehmender Anfeindung und Verfolgung ausgesetzt, wenn sie von staatlichen Verantwortungsträgern und Meinungsmachern in den Medien mit den als islamfeindlich wahrgenommenen nicht-muslimischen Mächten gleichgesetzt und beispielsweise als „fünfte Kolonne des Westens“ geradezu verteufelt werden. Auch einflussreiche ägyptische Gelehrte wie der populäre Fernsehprediger Yusuf al-Qaradawi, der als wichtigster Vordenker der so genannten „gemäßigten“ Islamisten gilt, die im Zuge der arabischen Revolutionen in Ägypten, Tunesien und Libyen an Macht und Einfluss gewonnen haben, warnt in seinen Predigten und Interviews regelmäßig vor einer christlichen Invasion, der „teuflischen Trinität“ zionistischer, christlicher und atheistischer Mächte, der Unterwanderung islamischer Gesellschaften und einer Zerstörung der islamischen Identität im Zuge einer Säkularisierung und Verwestlichung, die nach seiner Darstellung vor allem von den christlichen Minderheiten unterstützt werden. Eine Trennung von Staat und Religion, die Voraussetzung für wirkliche Glaubens- und Meinungsfreiheit und eine vollständige Gleichberechtigung von Christen und anderen Nicht-Muslimen wäre, lehnt er als Verrat am Islam kategorisch ab.
Saudischer Großmufti ruft zur Zerstörung aller Kirchen auf der Arabischen Halbinsel auf
Am schlimmsten ist die Christenverfolgung dort, wo führende Gelehrte eines Landes die systematische Vertreibung von Christen mit Verweis auf von Muhammad überlieferte Aussprüche islamisch legitimieren und die politisch Verantwortlichen kaum oder gar nicht dagegen protestieren. So rief beispielsweise am 12. März 2012 der saudische Großmufti Scheich Abdul-Aziz bin Abdullah, die höchste religiöse Autorität des Landes, in einem Rechtsgutachten (einer so genannten Fatwa) zur Zerstörung aller Kirchen auf der Arabischen Halbinsel auf. Er berief sich dabei unter anderem auf eine bekannte Überlieferung, nach der Muhammad auf dem Sterbebett gesagt haben soll, dass es in dieser Region keine zwei Religionen gleichzeitig geben dürfe. Solche Stellungnahmen verstärken die antichristliche Propaganda und schaffen die ideologische Grundlage für militante Aktionen einzelner Gruppen oder für Gesetze, die die Renovierung und den Neubau von Kirchen verbieten.
Menschenrechte nicht nur als Minderheit fordern, sondern auch als Mehrheit garantieren
Vor dem Hintergrund solcher Propaganda von höchster Stelle und der Tatsache, dass es in Saudi Arabien bis heute weder Kirchen noch Synagogen gibt, jedes öffentliche Bekenntnis zum christlichen Glauben oder das sichtbare Mitführen einer Bibel unter Strafe steht und Konvertiten zum Christentum mit der Todesstrafe bedroht werden, erscheint die feierliche Einweihung eines nach dem saudischen König Abdullah benannten Internationalen Zentrums für interreligiösen und interkulturellen Dialog in Wien im November 2012 vollkommen unverständlich. Laut Schirrmacher übersehen oder ignorieren viele Politiker, dass der bis heute von der Mehrheit muslimischer Gelehrter und Aktivisten vertretene Dialogbegriff nicht von der Gleichwertigkeit der Dialogpartner ausgeht. Dialog dient vielmehr den – von Saudi-Arabien häufig maßgeblich mitfinanzierten – Islamisten, der Schaffung einer proislamischen Atmosphäre im Westen und der öffentlichen Einforderung vermehrter Rechte, keineswegs aber einem größeren Verständnis für den christlichen Glauben und der Gleichberechtigung von Christen und Anhängern anderer Religionen im eigenen Land.
Das saudische Beispiel zeigt laut Schirrmacher so deutlich wie kein anderes: Ob Anhänger einer bestimmten Religion oder Weltanschauung wirklich für Menschenrechte wie die Glaubens- und Meinungsfreiheit und ein friedliches und gleichberechtigtes Miteinander eintreten, muss sich in erster Linie dort zeigen, wo die Anhänger die Mehrheit – nicht die Minderheit – stellen.

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